Seit jeher beobachten Menschen den Wind, von den frühen Seefahrern bis zu den Stadtplanern, Piloten, Flughafenbetreibern, Landwirten und Wassersportlern der Gegenwart. Doch so präzise wie die Betreiber von Windenergieanlagen brauchten es zuvor nur wenige zu wissen.

Als der Steuerberater und Vorsitzende des BWE-Anlegerbeirats Werner Daldorf 2013 zu dem Ergebnis kam, dass vier von fünf Windparks ihre Ertragsprognose verfehlen, da der Wind nicht wie prognostiziert wehte, war die Aufregung groß. Daldorf wertete die Erträge der Jahre 2000 bis 2011 aus.

Heute wissen Meteorologen, dass die 90er Jahre ungewöhnlich windstark waren. Und genau auf diesen beruhten die damaligen Windertragsprognosen. Doch es sind nicht nur solche Wetterkapriolen, die Wind- und Ertragsprognosen durcheinander wirbeln. Auch die Windgutachter waren sich um die Jahrhundertwende selten einig. „Wir gaben für jeden Standort immer drei Gutachten in Auftrag“, berichtet Hartmut Flügel, Geschäftsführer technisches Management bei energy consult. Flügel kennt die Branche seit ihren Anfängen in den 90er Jahren. Die Windprognosen wichen oft bis zu 15 Prozent voneinander ab. „Das war schon damals viel zu unsicher für jeden Investor.“ Um bei der Projektentwicklung auf Nummer sicher zu gehen, habe man notgedrungen das arithmetische Mittel berechnet und einen kräftigen Sicherheitsabschlag vorgenommen. Heute schmunzelt Flügel über die Unzulänglichkeiten der Pionierjahre. Man musste sich zu helfen wissen.

Auch haben Verschleiß und unerwartete Maschinenschäden so manche Ertragsprognose zu Makulatur gemacht. Doch das ist Vergangenheit. Die Anlagen sind technisch ausgereifter, Hersteller und Serviceunternehmen locken mit Verfügbarkeitsgarantien und Versicherungen mit umfänglichem Schutz. Das unternehmerische Risiko einer Windenergieanlage reduziert sich folglich mehr und mehr auf den Wind.

Zwischenzeitlich haben die Gutachter ihre Methoden verbessert und profitieren von einem immer engmaschigeren Netz an Messpunkten. Jeder neue Windpark ist letztlich eine weitere Messstelle auf der Landkarte. So liefert auch der zukunftsorientierte Windparkmanager energy consult die Winddaten seiner Anlagen an die Muttergesellschaft, den Windparkprojektierer PNE Wind.


Für Uwe Goppelt, dort Abteilungsleiter Standortbewertung, sind diese eine wichtige zusätzliche Informationsquelle, wenn ein neuer Standort auf seine Eignung geprüft wird. Auf dem flachen Land, wo weder Hügel oder Berge den Wind ablenken, können Windparks in bis zu zehn Kilometer Entfernung wertvolle Referenzdaten beisteuern. Denn bevor Goppelt externe Gutachter einschaltet, rechnet er anhand der Produktionsdaten benachbarter Windparks und der Leistungsdaten des jeweiligen Anlagentyps, wie viel elektrische Energie in einem Jahr theoretisch produziert werden kann. Meist ein schöner Wert. Doch dann kommen die Abschläge: 3 Prozent für technischen Stillstand – alles darüber Hinausgehende deckt oft die Verfügbarkeitsgarantie des Herstellers ab. Elektrische Verluste bis zum Umspannwerk betragen 1,5 bis 2,5 Prozent. Sind Wohnhäuser in der Nähe, wird nachts auf schallreduzierten Betrieb geschaltet (minus 1 Prozent), Abschaltung wegen Schlagschatten, (minus 0,5 Prozent), nächtliche Fledermausabschaltung (minus 0,3 Prozent) und so weiter. „An manchen Standorten können sich die verschiedenen Verluste auf über zehn Prozent kumulieren“, berichtet Goppelt.

Dort wo Erkenntnisse fehlen oder das Gelände sehr komplex ist, schließt Goppelt die Datenlücken mit Messmasten oder Lasermessungen (LiDAR). „Jeder Windpark muss sich am Ende rechnen.“ Und dabei gilt: Westwind bringt Ertrag.

Ob Unternehmer, Privatanleger, Genossenschaft, Bürgerwindpark, Bank oder institutionelle Investoren – in Zeiten sinkender Einspeisetarife und einstelliger Renditen rechnen alle mit spitzem Bleistift. Die Ertragsprognose ist dabei die zentrale Entscheidungsgrundlage. Schönrechnen und auf gute Winde hoffen, gilt nicht!

Die Finanzbranche brütete deswegen bereits Anfang des Jahrhunderts darüber, ob sich das Unternehmensrisiko Wind versichern lässt. Zu unkalkulierbar, zu teuer – jedenfalls kam damals kein Produkt zustande. Doch mit der gewachsenen Datenbasis lässt sich heute das Risiko einer Flaute besser berechnen und damit auch versichern. Die Deas Deutsche Assekuranz-Makler bietet zum Beispiel an, Windanlagenbetreibern eine Ersatzleistung zu zahlen, wenn der Windindex im Versicherungsjahr unter dem Zehnjahresdurchschnitt liegt. Windausfallversicherungen sind heute absolute Exoten und das werden sie wahrscheinlich bleiben. Die meisten Anlagenbetreiber, auch jene aus der Finanzbranche wie die Hamburger CEE Group, betrachten den Wind als natürliches unternehmerisches Risiko, das sich über die Jahre ohnehin ausgleicht.

Bilder: Courtesy of PNE WIND AG, pnewind.com, Titelbild: fotolia #92329765, parallel_dream